[Rezension] Juli Zeh: Unterleuten

Unterleuten
von Juli Zeh
656 Seiten
btb Verlag
Gegenwartsliteratur, Gesellschaft

Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf in Brandenburg wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten. Doch hinter den Fassaden der kleinen Häuser brechen alte Streitigkeiten wieder auf. Und obwohl niemand etwas Böses will, geschieht Schreckliches.

Ein Jahr. Ein ganzes Jahr lag dieses Buch auf meinem SUB. Ich habe es zu Weihnachten 2016 von meinen Eltern geschenkt bekommen, lang ersehnt und so darauf gefreut. Eines der wenigen Bücher, die ich als Besitz brauche. In meinem Schrank. Immer greifbar. ABER ich habe es aufgeschoben. Warum eigentlich? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich nicht wollte, dass es vorbei ist. Was eigentlich Quatsch ist, aber wer kennt schon die unergründlichen Tiefen eines wirren Kopfes. Nun also, ein Jahr später zu Weihnachten 2017, habe ich es endlich begonnen und nun – zwei Monate später – ausgelesen. Ich habe es langsam gelesen, genossen, dennoch verschlungen. Mit „Unterleuten“ gelingt Juli Zeh ein absurd realistisches Bild eines Dorfes im Osten Deutschlands. Immer wieder ertappte ich mich dabei zu denken: „So ist es wirklich. So ist’s bei uns im Dorf auch.“ Natürlich konnte ich mich besonders gut mit Unterleuten identifizieren: ein kleines Dörfchen in der ehemaligen DDR mit Geheimnissen, Familienbanden, Geklüngel, usw. All das trifft auf Unterleuten zu, jedoch auch auf meine Heimat. Nun aber erst einmal zum Inhalt:

Unterleuten wird von einigen Originalen und einigen Zugezogenen bewohnt. Die hippen Aussteiger aus Berlin, darunter ein Nerd und ein ehemaliger Dozent, der sich nun als Vogelschützer aufspielt. Und die Originale, der unter Gedächtnisverlust leidende Schaller, der alte Hund Gombrowski, der stets unzufriedene Kron. Und dann sind da noch Hilde, Krönchen, Elena, Linda Franzen – die verrückte Pferdefrau, und so viele mehr.  Sie alle wollen zusammen leben, jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Dieses Gefüge wird erschüttert, als in den Fluren des Orts ein Windpark entstehen soll. Wer verkauft an wen? Wer hat welche Intrige gesponnen? Und was ist da eigentlich vor zwanzig Jahren im Wald geschehen?

Unterleuten ist ein Panorama. Der Leser lernt nicht nur das Dorf als Gefüge kennen, Juli Zeh gewährt auch einen Einblick in die Wohnzimmer der Familien. So entsteht ein vielteiliges Puzzle, das zusammen das Bild „Unterleuten“ ergibt. Es gibt Geheimnisse, Intrigen, Streitigkeiten, Verbündete. Ein verästeltes Geflecht, mal so, mal so. Ich habe lange überlegt, ob ich die Darstellung „überspitzt“ nennen würde. Und bin dann zu dem Ergebnis gekommen, dass ich mich nicht festlegen werde. Okay. Der Schluss des Buches ist wie ein Paukenschlag und schon sehr drastisch, überspitzt? Vielleicht. Könnte so aber gut und gern auch geschehen sein. Aber als Bewohner eines nahezu identisch aufgebauten Dorfes weiß ich, dass vieles genauso auch als Tatsachenbericht stehen könnte.

Und mit genau dieser Realität spielt Juli Zeh auch. Googlet mal „Unterleuten“, findet man die Homepage des Dorfes und des Vogelschutzes. Mit viel Liebe zum Detail wird hier mit der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit auf multimedialer Ebene gespielt. All das und die unglaubliche Sprachgewalt der Autorin, sowie die plastischen Charaktere machen Unterleuten zu einem herausragenden Werk der deutschen Gegenwartsliteratur.

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2 Kommentare auf "[Rezension] Juli Zeh: Unterleuten"

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Giselas Lesehimmel
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Liebe Lisa

Jetzt muss ich echt lachen. Ich schiebe Bücher, auf die ich mich total freue, auch immer erst auf die Seite. 1. Ich will nicht enttäuscht werden. 2. Ich will nicht, dass das Buch schon wieder zu meiner Lese-Legende wird. 3. Vorfreude ist die schönste Freude.
Ja, auch ich hatte das Gefühl, durch sämtliche Wohnzimmer zu gehen. Eine klasse Besprechung von dir, die ich gerne bei meiner verlinke.

Liebe Grüße,
Gisela